Geschichte vom Joghurt

Sa 30 März 2019 by Karsten Krumrück

Es war einmal ein Joghurt. Der stand schon sehr lange im Minimarkt in der Friedrichstraße. Eines Tages kam ein schönes Mädchen in den Minimarkt, das der Joghurt hier noch nie gesehen hatte und er hatte schon viel gesehen. Hoffend sah er sie an. Vielleicht nimmt sie mich endlich mit. Und er strengte sein kleines Stimmchen an "Hallo schönes Mädchen, nimm mich bitte mit. Es soll dein Schade nicht sein." Verwirrt drehte sich das Mädchen um; wer war das ? Wer hatte sie eben angesprochen ? Sie hatte es doch ganz deutlich gehört ! Da erblickte sie den Joghurt. Es war der letzte. Sie nahm ihn prüfend in die Hand. In diesem Moment hörte sie die gleiche Stimme wie vorhin, nur klang sie näher: "Schönes Mädchen, nimm mich mit. Es soll dein Schade nicht sein." Sie konnte es nicht fassen. Die Stimme kam aus dem Joghurt ! Erst glaubte sie an Halluzinationen, doch dann war die Stimme wieder da. Das war ihr doch sehr unheimlich. Aber sie war auch ein sehr neugieriges Mädchen.

Und wie schon so oft siegte die Neugier. Sie nahm den Joghurt mit. Zu Hause im Wohnheim stellte sie ihn in den Kühlschrank und verschloß diesen ganz fest. Am Abend dann nahm sie den Joghurt heraus und stellte ihn auf den Tisch, zu den anderen leckeren Sachen, die es im Supermarkt gab. Auch der Tee dampfte schon und verbreitete sein schlichtes Aroma. Nun hielt sie es nicht mehr aus. Der Joghurt sah eigentlich ganz gewöhnlich aus. Wärend sie noch überlegte , fing der Joghurt wieder an zu sprechen: "Schönes Mädchen", sagte er "Du hast mich aus dem Kühlfach erlöst, dafür will ich Dich belohnen. Wenn Du mich aufgegessen hast, mußt Du den Becher auswaschen und auf das Fensterbrett stellen. Morgen früh wirst Du dann ein Wunder erleben." Sie tat, wie ihr geheißen. Die Nacht konnte sie vor Ungeduld und Neugier kaum schlafen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, sah sie neben dem Becher einen dicken Hefter liegen. Sie schlug ihn auf. Oh Freude, darin waren ja sämtliche Algebra- und Analysis-Aufgaben enthalten, mit vollständiger Lösung. Das war ja herrlich. Jetzt brauchte sie nicht mehr zu Krümel zu rennen und den zu fragen, wobei der ja meistens auch nichts wußte.

Sie setzte sich an den Tisch und begann den Hefter zu studieren. Dabei merkte sie mit Entsetzen, wie allmählich die Schriftzüge verkrampften und immer unleserlicher wurden. Auch der Hefter wurde immer kleiner, bis er verschwunden war. Was sollte das ? Sie merkte, wie sich das Zimmer zu drehen begann und sich in einen Fahrstuhl verwandelte, der in die Tiefe raste. Dabei rasten die Zimmerwände aufeinander zu. Ihr Magen begann sich lautstark zu melden. Er vertrug solche Reisen nicht. Sie wollte um Hilfe schreien, aber es gelang ihr nicht, einen Ton herauszubringen. Von weiten hörte sie eine Sirene, die immer lauter wurde. Dann saß sie aufrecht im Bett, von Schweiß gebadet. Vor ihr stand ihr kleiner Wecker, der immer noch schrillte. Ach ja, es war nur ein Traum gewesen.

Sie schaute auf die Uhr. Es war nachmittags um fünf. Jetzt erinnerte sie sich. Sie wollte Algebra-Hausaufgaben machen und hatte es nach einer Stunde erstnal aufgegeben. Dann hatte sie sich hingelegt, um ein Stündchen zu schlafen, und es dann nochmal zu versuchen. Also was hilft´s, sie setzte sich wieder an die Aufgaben. Aber es gelang ihr nicht, klare Gedanken zu fassen und sich zu konzentrieren. Morgen sollten die Aufgaben abgegeben werden. Da blieb nur eins - Krümel. Sie stapfte die Treppe hoch zum Zimmer gegenüber dem Klo. Und Krümel half, es machte ihm sogar Spaß, die Aufgaben zu rechnen - wirklich ein komischer Vogel. Als sie nach einer Stunde wieder runter ging dachte sie, - eigentlich ein ganz netter Kerl.