Geschichte vom Schnupfen

Es war einmal ein Schnupfen, der war sehr einsam. Keiner wollte ihn haben. Überall wurde er beschimpft und verjagt. Man setzte Spritzen, Pillen und heiße Dampfbäder gegen ihn ein. Auch seine Artgenossen mieden ihn, weil er nicht richtig böse war. Er war nunmal das uneheliche Kind einer Bronchitis und eines Katharrhs.

Eines Tages nun trug es sich zu, daß der kleine Schnupfen ganz traurig an einer S-Bahn-Haltestelle saß und müde die ein- und aussteigenden Fahrgäste betrachtete. Keiner beachtete ihn, alle waren hektisch und beeilten sich, zur Arbeit zu kommen, um den Reichtum des Landes zu mehren. Da bemerkte der Schnupfen eine kleine, noch sehr junge Taube, die sich anscheinend verirrt hatte. Ängstlich lief sie zwischen den vielen Menschen hin und her und strengte ihr kleines Stimmchen an, um ihre Mama zu rifen. Doch keine Taubenmama weit und breit zu sehen. Die kleine Taube hatte wohl schon innerlich mit ihrem Leben abgeschlossen, als die Rettung in Gestalt einer jungen, wunderschönen Frau nahte.

Sie hatte Erbarmen mit dem Täubchen und hob es auf. Behutsam steckte sie das kleine Ding in ihre wärmende Jacke und nahm sie mit. Der kleine Schnupfen war zutiefts gerührt von soviel Menschlichkeit. Vielleicht ist bei ihr ja auch ein Platz für mich, dachte er und ließ sich sanft auf die Schultern der jungen Frau niederfallen. Sofort spürte er die wohlige Wärme ihrer Haut. Diese Körpertemperatur kann man aber noch steigern, dachter er, ein wenig Fieber schadet bestimmt nicht.

Als die junge Frau aus dem S-Bahnhof herauskam, setzte sie die kleine Taube ganz sanft auf einem jener kleinen Bäumchen ab, die sich schon seit Jahren erfolgreich gegen den Straßenlärm und den Gestank der Auspuffgase behauptet hatten. Richtig glücklich war sie, als sie daraufhin die dankbaren Augen der kleinen Taube sah. Tja, man kann mit sowenig anderen eine Freude machen. Dabei spürte sie schon die ersten Anzeichen eines Unwohlseins. Ein paar klitzekleine Tröpchen liefen unkontrolliert ihre Nase herunter.

Komisch, dachte sie, ich habe mich doch vorhin, als ich mich mit einem Freund verabredet hatte, noch so wohl gefühlt. Hoffentlich ist es nichts ernstes. Sie wollte diese Verabredung nicht schon wieder verschieben, denn es wäre nicht das erste Mal. Sie hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen. Zu Hause angekommen sah sie vorsichtig in den Spiegel und befühlte ihre Stirn. Der kleine Schnupfen hatte inzwischen für eine Temperatur gesorgt, bei der er sich richtig wohl fühlte.

Verdammt, dachte sie, jetzt habe ich tatsächlich Fieber. Die ersten Kopfschmerzen waren auch schon im Anmarsch und attackierten aufs heftigste ihr Gehirn. Halb benommen begann sie ihr übliches Mittel gegen Schnupfen und Kopfweh einzunehmen und auf die Wirkung zu warten. Aber der kleine Schnupfen war hartnäckig. Nachdem sie 2 Stunden mehr oder wenig geschlafen hatte, griff sie zögernd zum telefon und rief ihren Freund an, um die Verabredung abzusagen.

Als er sich am anderen Ende der Leitung meldete, fiel es ihr noch schwerer, weil sie spürte, wie sehr er sich freute. Aber es mußte sein. Sie legte all ihre Unschuld in ihre Stimme und hauchte fast nur ihre Entschuldigung. Am anderen Ende war es still, keine Regung. "Bist du noch da ?" fragte sie ängstlich. Ein zaghaftes "Ja" mit einem mißmutigen Unterton strömte durch die Leitung. Aber kein Vorwurf war von ihm zu hören, das war ein gutes Zeichen, dachte sie und beendete, sich immer wieder entschuldigend das Gespräch. Ein bischen traurig war sie schon, aber sie konnte ja nichts dafür. Als der kleine Schnupfen sah, was er angerichtet hatte, bekam er ein schlechtes Gewissen. Immerhin hatte sie ja anderen geholfen, und er...

Plötzlich klopfte es an der Tür. Wer das wohl sein konnte ? Vorsichtig öffnete sie die Tür. Stets lächelnd stand da ihr ihr vielgeschätzter Versicherungsvertreter. Wie immer war er tadellos gekleidet, ganz so, als ob er aus einem Katalog gesprungen wäre. Auch das noch, dachte sie, jetzt will er mir wieder was aufschwatzen. Aber da sie ein höflich erzogenes Mädel war, bat sie ihn herein. Schon im Flur begann er ihr die Vorzüge einer neuen Unfallversicherung aufzuzählen, völlig spontan natürlich. Der kleine Schnupfen merkte, wie lästig dieser Besucher der jungen Frau war.

Und da kam ihm eine Idee, wie er dem Mädchen helfen konnte. Sachte sprang er beim Händeschütteln der beiden auf den Vertreter über und machte es sich dort bequem. Erstaunt merkte das Mädchen, wie es ihr spürbar besser ging. Der Versicherungsvertreter dagegen schien vor ihren Augen zu altern. Es mußte ihm wirklich mies gehen, denn er unternahm nur 5 Versuche, um das Mädchen von der Notwendigkeit einer Pferdeversicherung zu überzeugen. Mit einem hektischen Blick auf seine Uhr und die Akkuanzeige seines Handys verabschiedete er sich und stürzte zur Tür hinaus.

Das Mädchen aber war wieder froh und griff sofort zum Telefonhörer, um ihrem Freund die gute Nachricht zu überbringen, daß die Verabredung doch nicht ausfallen würde. Freudig erregt wählte sie seine Nummer und wartete auf seine Stimme. Aber am anderen Ende meldete sich niemand. Sie wartete und wartete. Verdammt, warum hat er sich eigentlich immer noch keinen Anrufbeantworter besorgt. Nach 5 Minuten gab sie auf. Was nun ? Da klopfte es wieder an Tür. Das wird bestimmt nochmal dieser Versicherungsfritze sein, dachte sie und öffnete mißmutig die Tür.

Aber es war ihr Freund, der da mit einer Flasche Wein in der einen und ein paar Blumen, denen man ansah, daß sie geklaut waren, in der anderen Hand. "Ich wollte nur einen Krankenbesuch machen" sagte sie verschmitzt und reichte ihr die Blumen. Sie riß ihm die Blumen fast aus der Hand und zerrte ihn herein. "Geht's dir wieder besser ?" fragte er verduzt. "Klar" meine sie "Ich nehm jetzt noch ne Aspirin und dann geht's wieder" (Zu Risiken und Nebenwirkungen prügeln sie ihren Arzt oder essen sie ihren Apotheker). " Na dann ist ja gut" sagte er. Und alle waren glücklich und zufrieden. Un wenn sie nicht gestorben sind, dann trinken sie immer noch Wein.