Geschichte vom Spiegel

Es war einmal ein Spiegel, der stand in einer kleinen Diskothek. Diese Diskothek befand sich in einer kleinen Stadt, am äußersten Rand eines kleinen Landes. In diesem Land lebten kleinliche Menschen. In der Woche plagten sie sich mit ihren kleinen und großen Sorgen herum, jeder für sich. Doch wenn die Woche zur Neige ging, veränderten sich die Menschen.

Vor allem die jungen Menschen, und die , die sich dafür hielten, wachten aus ihrer Lethargie auf und sahen, daß es auch noch andere Menschen neben ihnen gab. Mit diesen Menschen gingen sie zusammen zur Diskothek, um Spaß zu haben, ihren Frust ließen sie dabei zu Hause, zumindestens für eine Nacht. Der Spiegel wußte von alledem nichts. Er sah die Menschen ja nur bei Nacht, fröhlich und ausgelassen, manchmal auch betrunken. Tagsüber schlief der Spiegel und träumte vor sich hin. Wie er so die fröhlichen Menschen beim ausgelassenen Tanzen beobachtete, wuchs in ihm der Wunsch, auch zu tanzen.

Doch wer sollte mit ihm tanzen? Der Spiegel sah sich um. Weit und breit kein anderer Spiegel zu sehen. Und die Menschen ? Sie tanzten immer zu zweit, obwohl es manchmal schwer war, den anderen Partner zu erkennen. Man mußte schon den Augen folgen. Wie er sich so umsah, bemerkte er plötzlich ein hübsches Mädchen, das allein, dicht vor ihm tanzte. Ihre Augen waren direkt auf den Spiegel gerichtet. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und ihr Körper schlank und rank. Tanzt sie wirklich mit mir ?

Anscheinend ja, denn die Tanzfläche war inzwischen leer. Mit zierlichen Schritten kam sie dem Spiegel näher und küßte ihn. Rings um den Lippenabdruck begann der Spiegel zu beschlagen, ja dieses Mädchen brachte ihn zum Schwitzen. Die Spannung in ihm wurde immer größer, einige Teile von ihm sahen schon wie ein Zerrspiegel in einem Lachkabinett aus. Leise begann er im Rhythmus der Musik zu beben. Immer mehr ging seine Phantasie auf Reisen. Und in Gedanken zog er sie schon aus. Plötzlich wurde er aus seinen Träumen durch lautes Gelächter aufgeschreckt. Das Mädchen stand plötzlich ganz verschämt vor ihm und starrte ihn entgeistert an.

Erst jetzt merkte er, daß er mal wieder seine Gedanken nicht für sich behalten hatte, und sie im Spiegel wirklich ohne Kleider zu sehen war, obwohl sie angezogen war. Nur mühsam konnte er seine Erregung herunterfahren und an etwas anderes denken. Das Spiegelbild wurde wieder normal, aber das Mädchen war verschwunden. Da hielt er es nicht mehr aus. Durch die ständigen Schwingungen war er brüchig geworden und zerbrach mit einem großen Knall. Ringsherum war es still geworden. Der Krach hatte das Mädchen wieder herbeigelockt. Mit einem verstohlenen Lächeln beugte sich sich über die Scherben und nahm ein kleines Stück mit nach Hause, als Andenken.