Geschichte von der Straßenbahn

Es war wieder einer dieser Tage, an denen man lieber im Bett bleiben möchte. Doch der Wecker kennt kein Erbarmen. Schrill und unnachgiebig zerriss er den Vorhang süßer Träume. Die warmen bunten Farben wichen den trüben Grautönen des Alltags. Die Stadt da draußen lag noch im Tiefschlaf. Der Nebel kroch langsam durch die Straßen. Um es mit einem Wort zu beschreiben: es war Montag.

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem mittleren Frühstück waren auch die Lebensgeister wieder fühlbar vorhanden. Ich freute mich jetzt auf den ersten Höhepunkt des Tages, die Autofahrt zur Arbeit. Endlich in aller Ruhe in einem abgeschlossenen fahrenden Raum sitzen, rauchen und mit niemanden erzählen müssen, einfach herrlich. Ich hatte nur ein mitleidiges Grinsen für diese Sardinenfetischisten übrig, die sich in der U-Bahn drängeln, und sich gegenseitig anstarren, weil sie nichts besseres zu tun haben.

Wie ein Cowgirl zog ich den Autoschlüssel heraus, entsicherte, und traf punktgenau die Tür. Nur die Tür hatte wohl etwas dagegen und verweigerte den Einlass, der Schlüssel war abgebrochen. Das kann ja wohl nicht wahr sein ! Ausgerechnet heute, wo ich eh schon spät dran war. Nach einer Gedenkminute für meinen Autoschlüssel, fügte ich mich dann doch in mein Schicksal und trabte zur nächsten S-Bahn-Haltestelle. Wie war das noch: eine einfache Fahrt kostet 2 DM oder so, dachte ich zumindest. Aber das war wohl noch in der Steinzeit. Ich traute meinen Augen nicht, 3,90 DM ! Na gut, wenn es denn sein muss, dann muss ich eben mein Zigarettengeld opfern.

Nach kurzem Kampf mit dem Automaten hatte ich gewonnen und war jetzt Besitzer einer Fahrkarte. Ich zwängte mich durch die Tür und erwischte sogar noch einen Sitzplatz, am Fenster. Gemütlich tuckerte das Gefährt los. Eintönig holperte die Bahn über die Gleise. Na wenigstens konnte ich jetzt noch eine Mütze Schlaf nehmen. Mein Kopf sank langsam auf das Fensterbrett. Das Stimmengewirr um mich herum verdichtete sich zu einem undefinierbaren, monotonen Wortschwall, der das Einschlafen noch beschleunigte. Morpheus hatte mich wieder.

Die Bilder um mich herum wurden endlich wieder bunt. Das sinnlose Geschwätz der Leute verschwand allmählich und wich einer wohltuenden Stille. Doch plötzlich vernahm ich eine Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich musste mich konzentrieren, um sie zu verstehen, doch nach und nach wurde sie deutlicher. Wo hatte ich diese Stimme schon mal gehört ? Es viel mir nicht ein, deshalb beschloss ich, ihr erst mal zuzuhören. "Hallo Katja !" begrüßte mich die angenehme Stimme. "Ich bin sehr froh, Dich hier zu sehen. Endlich mal ein hübsches aufgewecktes Gesicht zwischen all diesen Schlafmützen. Darf ich mich vorstellen ? Ich bin die U-Bahn, und zwar die U2, die Königslinie." Und das sagte die Stimme mit einem Selbstbewusststein, dass selbst mir imponierte (und das will schon was heißen).

"Ich habe schon viel gesehen in all den Jahren, in denen ich jetzt schon fahre." Die Erfahrung die diesem Satz innewohnte wurde durch die sonore Stimme nur noch unterstützt. Irgendwie fühlte ich mich geborgen, auch wenn mir ein kleines Männchen im Hinterkopf sagte, dass all dies doch kompletter Unsinn ist, U-Bahnen können nicht reden. Dieses kleine Männchen war wohl mein Verstand, er war immer so schrecklich unsensibel und humorlos, deshalb hörte ich selten auf ihn. Tante U2 erzählte während meiner Überlegungen unverdrossen weiter. Wie alle Tanten lästerte sie natürlich über die anderen, in diesem Fall über die anderen U-Bahn-Linien. Da war zum Beispiel die U4, die ihrer Meinung nach eigentlich keine richtige U-Bahn war sondern nur auf Kosten anderer lebte, weil sie immer nur 5 Stationen hin und her fuhr, oder diese Schlampe von U1, die sich noch etwas darauf einbildete, dass sie die erste sei.

Allmählich jedoch ging mir dieser Tratsch auf den Keks. Das ist ja wie auf einer dieser Familienfeiern, wo man notgedrungen selbst zu den ältesten Witzen und den abgestandensten Geschichten noch freundlich lächelt und dabei verstohlen auf die Uhr schaut. Als mir die Stimme dann noch ihre Telefonnummer geben wollte, eine Nummer, die mit 0190 begann, war der Spaß vorbei. Ich versuchte Herr oder Herrin über meine Gedanken zu werden und bat sie inständig, sich etwas anderes auszudenken. Auch wenn es sonst nichts half, diesmal spurten sie. Die U-Bahn-Stimme, die zum Schluss schon anfing zu keifen, verschwand im Nirwana, Nebel kam auf

Ich schaute in den mich umgebenden Dunst und sah wie jemand langsam auf mich zukam. Gleichzeitig hörte ich Musik, die mit dem Näherkommen der Person allmählich anschwoll. Den Song kannte ich irgendwie. Klar, es war "I still haven´t found what I´m looking for" von U2, einer meiner Lieblingssongs, auch wenn er schon etwas angestaubt war. Naja, damals, die 80er, dachte ich.

Wenn mich meine Sinne nicht täuschten, so war die Person, die mir entgegenkam ein Mann. Ein relativ großer Mann. Auch er kam mir bekannt vor. Es war aber auf keinen Fall Bono, denn der Typ hier hatte blonde, kurze Haare. Ich ging auf ihn zu, denn ich war neugierig. In meiner Hand fand sich plötzlich ein Feuerzeug. Ich zündete es an, um sein Gesicht besser sehen zu können. In diesem Augenblick zerriss ohrenbetäubender Lärm das Geschehen. Der Nebel verzog sich, und der Mann war verschwunden. Ich hatte auch kein Feuerzeug mehr in der Hand, dafür die Fernbedienung meines Fernsehers. Der Lärm kam übrigens von meinem Wecker. Hatte ich all das nur geträumt? Dann sah ich den Fernseher, er war noch an. Aus unerfindlichen Gründen lief gerade MTV, ein Special über U2.

Ich versuchte schnell einen klaren Gedanken zu fassen. Wenn ich das alles nur geträumt hatte, dann konnte ich ja vielleicht doch mit dem Auto zur Arbeit fahren, so wie immer. Diese Aussicht beflügelte mich. Ich sprang unter die Dusche, komischerweise wahr sie noch nass. Aber was soll´s. Nach dem Frühstück stürzte ich runter zu meinem Auto. Und da stand es, so wie ich es gestern abgestellt hatte. Gott sei Dank. Freudig erregt küsste ich den Türgriff, bevor ich das Auto aufschloss, ohne Probleme. Ich stieg ein und genoss diesen Augenblick. Das war fast so gut wie...

Erst jetzt bemerkte ich den kleinen Zettel an der Windschutzscheibe, ein Knöllchen. Aber das konnte mir auch nicht mehr die Laune vermiesen. Ich nahm es und sah erstaunt, dass der Polizist seine Telefonnummer mit auf den Zettel geschrieben hatte. Verschmitzt grinste ich in mich hinein und dachte: Der Wochensoll ist erfüllt, wieder einer zum Abhaken. Wer weiß was das Wochenende noch bringt...